Vergiss alles, was du bisher über Pferdetraining gehört hast! Freedom Based Training ist anders! Ganz anders! Als ich 2019 zum ersten Mal bei einem Kurs von Elsa Sinclair als Fotografin dabei war, war ich wirklich überrascht. Bis dahin dachte ich, dass ich schon von jeder Art des Pferdetrainings etwas gehört hatte. Und an gewissen Punkten ähneln sie sich ja wieder. Aber Freedom Based Training ist wirklich etwas anderes. Auf gewisse Art und Weise ist das Konzept sehr einfach und dann doch wieder sehr komplex. Deshalb habe ich lange gebraucht, um diesen Blogartikel zu schreiben. Ich konnte all das, was ich gesehen und erfahren hatte, nicht in Worte packen. Und schon gar nicht so erklären, dass das jemand verstehen kann, der noch nie auf einem Elsa Sinclair Kurs war. Jetzt, nach 4 Kursen, die ich als Fotografin aktiv begleitet habe, kann ich es endlich. Viel Spaß beim Lesen und beim Entdecken einer völlig neuen Welt.


Die Anfangsfrage: Würde mein Pferd bei mir bleiben, wenn es die Wahl hätte?
Elsa Sinclair ist eine amerikanische Pferdetrainerin, die jahrelang Pferde trainiert hat und Erfahrung in Natural Horsemanship und Dressurreiten hat. Doch immer wieder stellte sie sich die Frage, ob Pferde auch all diese Dinge mit uns tun würden, wenn sie wirklich die Wahl hätten. Was ist, wenn du ein rohes Pferd nimmst und von Anfang an KEINE Hilfsmittel verwendest? Und zwar wirklich gar keine! Kein Seil, kein Halfter, keine Gerte. Aber auch keine Leckerlis. Nichts außer dich und deinen Körper.
Elsa holte sich daraufhin ein Mustang-Fohlen und suchte genau darauf die Antwort.
Und sie fand sie: Ja!
Aber es braucht seeehr viel Zeit, extrem viel Geduld vom Menschen und entsprechende Bedingungen, wo das eben möglich ist. Schließlich kann man das Pferd dann auch nicht tierärztlich versorgen lassen, mal eben irgendwohin transportieren etc.
Elsa hat das ganze filmen lassen und entstanden ist der sehr berührende Film „Taming Wild“, den ich dir sehr empfehlen kann.
„Taming Wild“: Genau darum geht es im Freedom Based Training – im „freiheitsbasierten Training“… Nein, nicht darum das „wilde Pferd zu zähmen“, sondern darum „die wilde Ungeduld in uns selbst zu zähmen“.
Es geht darum geduldiger zu werden, besser hinzuschauen und unser Timing zu verbessern. So werden wir bessere Menschen für unsere Pferde und die Pferde können bessere Pferde werden.
Denn Pferde wollen gerne Partner sein! Aber sie brauchen Zeit dafür.


Freedom Based Training als Ergänzung zum Alltag
Freedom Based Training ist eine super Möglichkeit, um:
- eine engere Beziehung zum Pferd aufzubauen
- wieder eine echte Verbindung zu spüren
- Zeit mit dem Pferd zu verbringen ohne etwas zu wollen. Zum Beispiel auch, wenn die Umstände gerade kein normales Training zulassen.
- Geduld, Beobachtungsgabe und gutes Timing zu üben
Du kannst es auch regelmäßig vor dein normales Training einbauen oder einfach mal so zwischendurch.
FBT ist also nichts, für das du dich final und als einzige Methode entscheiden musst. Probiere es einfach mal aus und guck, ob du das in dein Repertoire aufnehmen möchtest.
Glücklicherweise können Pferde damit sehr gut umgehen, dass wir unterschiedliche Formen von „Leadership“ nutzen. Das wir also mal fragen, ob es auf etwas Lust hat und es auch Nein sagen darf. Dass wir manchmal durchsetzen, was wir möchten. Und das wir auch mal einfach nur mal zusammen sind und gar keine Frage ans Pferd stellen!

Die 6 Formen von Leadership
Bevor wir uns anschauen können, was Freedom Based Training nun wirklich ist, musst du verstehen, dass es verschiedene Arten von „Leadership“ gibt. Ich finde es schwierig dafür eine gute Übersetzung zu finden… Ein Leader ist ein Anführer. Leadership bedeutet also so viel wie Führungsart oder Führungsqualität.
Generell bedeutet „Leadership“ Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, zu denen der andere im Besten Fall „Ja“ sagen kann.
Die 6 Formen von Leadership:
- „Passive Leadership“ (passiv) bedeutet, dass ich Entscheidungen für meinen Körper treffe (z.B. wo ich stehe oder gehe und zwar in Harmonie mit dem Pferd) und das Pferd damit okay ist.
- „Supportive Leadership“ (unterstützend) bedeutet, dass ich etwas anderes tue als das Pferd, solange bis ich etwas finde, wo das Pferd „Ja“ zu sagen kann
- „Assertive Leader“ (selbstbewusst) bedeutet, dass ich Entscheidungen für das Pferd treffe und das Pferd sagt „Ja klar“ und tut das dann. Das ist was wir alle wollen! Aber das muss ich mir verdienen! Und zwar indem ich sehr gut als passive + supportive Leader oder sehr gut als dominanter oder insistent Leader werde.
- „Insistent Leader“ (hartnäckig) bedeutet, dass das Pferd „vielleicht“ antwortet und ich einfach so lange hartnäckig frage, bis es doch Ja sagt.
- „Dominant Leader“ (dominant) bedeutet, dass ich dem Pferd sage was es tun soll und wenn es Nein sagt, wende ich entsprechende Techniken an, bis es doch tut was ich sage. Dabei ist es egal ob ich positive oder negative Verstärkung verwende. Ich möchte, dass das Pferd am Ende Ja sagt und tut was ich möchte.
- „Abusive Leadership“ (missbräuchlich) ist das einzige, was wirklich schlecht ist. Hier geht es um Missbrauch und darum, dass das Pferd einen körperlichen oder seelischen Schaden erleidet.
Es ist gut, wenn man ein großes Spektrum an Leadership abdeckt und nicht nur das eine kann.
Aber: jede Beziehung ist anders. Jedes Pferd und jeder Mensch ist anders.

Freedom Based Training beinhaltet „Passive“ und “Supportive Leadership” also passiv und unterstützend.
Da das Pferd beim FBT logischerweise immer frei ist („freiheits-basiert“), kann es einfach gehen, wenn ich ihm mal zu dominant bin.
Wenn es aber um deine Sicherheit oder die des Pferdes geht und du sofort eine Reaktion brauchst, sei unbedingt dominant! Nicht in Form von grob, sondern in Form von klarer Durchsetzungsstärke. Du bist für euch und eure Sicherheit verantwortlich.
Deshalb ist es auch hilfreich, wenn das Pferd eben auch verschiedene Arten des Trainings und des Leaderships kennt. So seid ihr für alle möglichen Situationen vorbereitet.
Von der passiven Seite aus zu arbeiten (wie im Freedom Based Training), ist je nach Sichtweise natürlich schöner. Es braucht aber auch sehr viel mehr Zeit, bis man wirklich Ergebnisse sieht und man etwas aktiv mit dem Pferd „machen“ kann.

Wie funktioniert nun also Freedom Based Training genau?
Grundsätzlich verbringst du erstmal ganz viel Zeit bei deinem Pferd, das frei auf der Weide, auf dem Paddock oder auf dem Reitplatz steht. Am Anfang ist es für dich einfacher, wenn das Pferd nicht nur am Heu bei seinen Kumpels steht. Gerade bei unsicheren Pferden ist es aber schöner von Anfang an in der Herde zu sein, damit sie sich wohl und sicher fühlen.
Wichtig: es geht nicht darum, dass das Pferd irgendetwas tut!
Lies das nochmal!
Das Pferd braucht gar nichts machen.
Du beobachtest dein Pferd und reagierst auf die Dinge, die es tut. Nicht andersherum!
Im Detail sieht das so aus:
Macht das Pferd etwas, was ich gut finde, gehe ich in Harmonie. Ich tue also exakt das gleiche wie das Pferd.
Grast es gerade friedlich, mit dem linken Vorderbein etwas weiter vorne, stelle ich mich auch so hin… das linke Bein etwas weiter vorne. Nimmt es nun das rechte Vorderbein vor, mache ich den Schritt nach.
Wirst du jetzt schon ungeduldig, wenn du dir das vorstellst?
Jaaa, genau das ist es was Elsa mit „Taming our wild“ und Geduld lernen meint. 😉
Für das Pferd ist es quasi eine Belohnung, wenn es mit einem Freund in Harmonie ist. Das fühlt sich gut an. Beobachte einmal Pferde, die sich gut verstehen… du wirst feststellen, dass sie oft die gleichen Dinge tun. Sie gehen gemeinsam zum Heu, grasen in der Nähe des anderen und oft stehen sie dabei exakt gleich!

Nun bist du aber ein Mensch und kein Pferd und vielleicht fühlt sich dein Pferd noch nicht wohl, wenn du minutenlang neben ihm hergehst. Irgendwann wird es sich wahrscheinlich genervt fühlen.
Am Besten lässt du es gar nicht erst soweit kommen, sondern veränderst vorher etwas.
Geh im Zweifelsfall lieber zu früh weg! Bleib nicht zu lange an einer Position.

Du triffst Entscheidungen für deinen Körper!
Du kannst also jederzeit entscheiden, dass du weggehst. Hat sich das Pferd zu dem Zeitpunkt sehr wohl gefühlt mit dir, wird es sich freuen, wenn du wieder kommst.
Ein weggehen muss nicht unbedingt ein komplettes weggehen sein. Du kannst auch einfach nur ein paar Meter weggehen und dann wieder in Harmonie gehen. Dich also wieder so hinstellen wie das Pferd.
Oder du wechselst von der linken Seite auf die rechte Seite des Pferdes.
Es gibt 4 verschiedene Abstände, die du ausprobieren kannst. inklusive vieler Grauzonen dazwischen:
- Berühre das Pferd (z.B. indem du eine Hand auf den Rücken legst, während ihr gemeinsam über die Weide wandert)
- Sei nah bei deinem Pferd ohne es zu berühren
- Mittlere Distanz
- Sehr weit weg (du kannst dein Pferd in der Ferne gerade noch erkennen!)
Probiere das ruhig mal an verschiedenen Stellen rund um dein Pferd aus. Gibt es Distanzen und Positionen, wo dein Pferd dich nicht gerne haben möchte?

Jedes Pferd hat Lieblingsstellen, wo es den Menschen gerne hinpositioniert. Das hast du bestimmt auch schon mal gemerkt. Dein Pferd kommt zu dir und du stehst an seiner linken Schulter. Versuchst du mal auf die rechte Seite zu kommen, versucht dein Pferd dich sanft daran zu hindern und dich lieber wieder links zu positionieren. Manchmal gehen Pferde absichtlich rückwärts, wenn du gerade am Hintern bist, nur damit du wieder weiter vorne stehst. Achte mal darauf.
Die zentrale Frage, die Elsa immer wieder stellt: „Wird es besser? Oder schlechter?“ oder „Fühlt sich das Pferd besser oder schlechter?“
Wenn es wahrscheinlich ist, dass sich das Pferd besser fühlt, wenn du da bleibst oder etwas änderst, tu es.
Wenn es vermutlich nicht mehr besser werden kann oder sogar schlechter wird, geh lieber vorher weg!

Eins der Ziele dieses Trainings
Triffst du sehr viele gute Entscheidungen, wird das Pferd sich merken, dass es sich immer gut fühlt, wenn du da bist und wenn ihr beide in Harmonie seid.
Es wird sich immer besser und besser fühlen und irgendwann wird es dich aktiv mitnehmen, um zum Beispiel mit dir gemeinsam zum Wasser zu gehen. Oder um mit dir die Welt zu erkunden. Das ist der magische Moment, den ich schon oft auf Elsa Kursen gesehen habe und den sich alle wünschen!



Pferde, die in dieser Form der Körpersprache geübt sind, gehen dabei extra so langsam, dass du auf jeden Fall mitkommen kannst. Schließlich geht es auch hier darum, dass du jeden Schritt exakt gleich mitmachst. Das ist im langsamen Schritt einfacher als im Schnellen.
Geht das Pferd zu schnell oder „streift es dich am Zaun ab“, verliert es dich. Versuche nicht verzweifelt hinterher zu kommen, sondern geh dann einfach woanders hin. Das Pferd soll lernen auf dich aufzupassen, damit es dich nicht verliert.
Vielleicht hast du aber auch nicht mitbekommen, dass dein Pferd dich gar nicht mehr dabei haben wollte oder nicht an dieser Position. Dann ist es erst recht gut, dass du erstmal etwas anderes machst und es dann nochmal neu versuchst.
Im Idealfall schafft ihr es so lange Zeit zusammen zu verbringen, dass deinem Pferd irgendwann die Ideen ausgehen.
Es möchte aber weiter Zeit mit dir verbringen und fängt an dich aktiv nach deinen Ideen zu fragen! Nun kannst du den Weg bestimmen und dein Pferd folgt dir. Und du kannst einmal nach konkreten Dingen fragen…

Der Unterschied zwischen Toleranz, Akzeptanz und Freude
Stell dir vor du stehst neben deinem Pferd. Es blinzelt nicht. Es steht einfach nur da. Das Pferd ist quasi eingefroren.
Es toleriert, dass du da an dieser Stelle stehst. Aber gut findet es das nicht.
Wenn du nur kurze Zeit dort stehst und dann wieder gehst, war das eine gute Entscheidung.
Findest du eine neue Stelle, an der das Pferd dich tolerieren kann, ist das eine weitere gute Entscheidung.
Gehst du wieder rechtzeitig weg, ist das noch eine gute Entscheidung.
Bleibst du zu lange und das Pferd kann dich da nicht mehr tolerieren, geht es weg (flüchtet) oder es legt die Ohren an und giftet dich an (kämpft).
Triffst du aber viele gute Entscheidungen, wird das Pferd irgendwann darauf vertrauen, dass du meistens gute Entscheidungen triffst. Es wird anfangen dich zu akzeptieren. Vielleicht lässt es den Kopf jetzt mehr hängen. Es blinzelt und atmet normal.
Triffst du weiter sehr viele gute Entscheidungen, wird es irgendwann (und das kann Wochen dauern!) anfangen Freude daran zu entwickeln, dass du da bist. Das merkst du daran, dass es interessierter an dir und seiner Umwelt ist und dich im weiteren Verlauf auch aktiv mitnimmt.

Mit dem Freedom Based Training bekommst du also ein Pferd, dass sich mehr freut dich zu sehen und Zeit mit dir zu verbringen.
Das „Ja“ vom Pferd ist viel ehrlicher und schöner, als wenn du es durch rein dominantes Training dazu gebracht hast „Na gut“ zu sagen.
Mit dem Clicker Training bekommst du zwar auch oft eine freudige Reaktion, aber es kann auch ein eigentliches „Nein“ überdecken. Vielleicht ist es nämlich gar kein „Ja“ sondern ein „na gut, weil ich den Keks will“.
Es geht aber nicht darum die verschiedenen Trainingsarten als besser oder schlechter hinzustellen. Wie gesagt, jedes Pferd ist anders, genauso wie jeder Mensch und jede Pferd-Mensch-Beziehung. Was für den einen sehr gut funktioniert, funktioniert beim anderen gar nicht. Und dann gibt es auch viele verschiedene Situationen…
Je mehr Werkzeuge wir haben, desto besser können wir für verschiedene Situationen die passende Technik nutzen.
Schließlich gibt es auch viele Pferde, die in manchen Situationen geklickert werden und in anderen nicht. Ich nutze inzwischen alle 5 Arten von gutem Leadership.

Interaktionen mit anderen Pferden
Was, wenn es Stress mit anderen Pferden gibt?
Wenn du die Herde deines Pferdes gut kennst, wirst du oft erahnen, was passieren wird. Steht dein Pferd am Heu und die Chefin kommt rüber, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie dein Pferd gleich wegscheuchen wird.
Das fühlt sich nicht gut an.
Deshalb solltest du weggehen, bevor es passiert!
Dein Pferd lernt, dass du extrem schlau bist und sehr gute Entscheidungen triffst. Irgendwann lernt es, dass es vielleicht mitgehen sollte, wenn du gehst.

Freundschaftlicher Kontakt
Trifft sich dein Pferd mit einem Freund, hast du 2 Möglichkeiten. Siehst du das frühzeitig, kannst du dein Pferd überholen und das andere Pferd zuerst begrüßen! Auch das ist eine sehr kluge Entscheidung.
Oder du begleitest dein Pferd einfach dorthin, wenn du Schritt halten kannst.
Wichtig ist: geh lieber, bevor die Situation sich ändert. Manchmal kommt es auch unter Freunden zu Streit. Damit willst du nichts zu tun haben.
Du bist nur in schönen Situationen in Harmonie mit deinem Pferd.



Was, wenn das Pferd schläft oder einfriert?
Wenn sich dein Pferd gar nicht mehr bewegt, musst du dich entscheiden: auch stehen und warten (passive Leadership) oder dich bewegen und dem Pferd helfen aus der Starre herauszukommen (supportive Leadership).
Wenn das Pferd völlig entspannt schläft, kannst du guten Gewissens einfach auch ruhen. Das kann aber seeehr langweilig werden und deine Geduld stark strapazieren.
Ist dein Pferd eher eingefroren… mit offenen Augen, die nicht blinzeln, könntest du ihm auch helfen sich besser zu fühlen.
Fressen kann auch beides sein: eher zufrieden meditativ oder gestresst als Ablenkung. Du entscheidest, ob du damit in Harmonie sein möchtest oder dem Pferd helfen willst, sich besser zu fühlen.
Helfen bedeutet in diesem Fall nicht, dass du dein Pferd aktiv herausholst, indem du etwas von ihm willst. Stattdessen tust du einfach verschiedene Dinge.
Einfach für dich.
Weil du gerade Lust darauf hast. 😉
Es ist egal, ob dein Pferd darauf reagiert oder nicht! Versuch deine Erwartungshaltung herunterzuschrauben und Spaß an deiner eigenen Bewegung zu haben. Erwartungsdruck kann nämlich auch der Grund sein, warum dein Pferd eingefroren ist. Vielleicht ist es so verunsichert von deinem neuen Verhalten, dass es sich lieber gar nicht bewegt.
Was du tun kannst als supportive Leadership:
- Das Pferd einmal kurz berühren
- Herumlaufen
- Rennen
- Hopsen
- Auf Dinge raufklettern
- Andere Pferde streicheln
- Dinge werfen
- Dich mit Dingen beschäftigen
- Und das alles in verschiedenen Distanzen und vor, hinter, links oder rechts vom Pferd


Wichtig: bekommst du auch nur 1 Reaktion, bleibst du sofort stehen und gehst in Harmonie mit dem Pferd!

Und diese 1 Reaktion kann bei einem stark eingefrorenen Pferd ein Blinzeln sein oder 1 Ohr, das sich kurz bewegt.
Dann wartest du.
Nimm dir vorher vor wie lange du warten willst. Vielleicht 3 Atemzüge. Oder 5. Oder 10 Sekunden.
Es gibt kein richtig oder falsch. Aber mindestens 3 Atemzüge sollten es schon sein, damit dein Pferd merkt, wie schön es ist, dass du nicht mehr so viel Unruhe verbreitest. 😉
Kommt in der Zwischenzeit ein weiteres Ohrwackeln, machst du 1 Schritt! Wohin ist egal. 1 Schritt und dann zählst du von neuem.
Sind die Sekunden oder Atemzüge um und dein Pferd hat sich nicht bewegt, läufst du wieder los und machst irgendetwas.
Das kann wirklich frustrierend sein und sehr lange dauern. Auf Elsa Kursen sieht der 1. Tag ganz oft so aus, dass die Pferde nur stehen und die Menschen sich bewegen.
Aber vertrau darauf, dass sich das ändern wird.

Denk einmal darüber nach, wie der Alltag von Pferden mit uns normalerweise aussieht:
Wir tun etwas und wollen, dass das Pferd auch etwas tut.
Oder wir tun gerade nichts (sitzen z.B. herum, weil wir auf den Hufschmied warten) und das Pferd braucht auch nichts tun.
Beim Freedom Based Training tun wir plötzlich Dinge rund um unser Pferd herum und es braucht darauf nicht zu reagieren. Das ist für viele Pferde sehr ungewohnt.
Gerade Pferde, die Horsemanship kennen und da das Friendly Game haben auch gelernt, im Zweifelsfall einfach stehen zu bleiben und abzuwarten bis sie konkret von uns angesprochen werden um etwas zu tun. Das ist super für die Desensibilisierung. Nicht jedes Gerten heben hat etwas zu bedeuten… als Beispiel. Aber nun darf es eben auch lernen, dass das nicht immer so aussehen muss, dass wir etwas tun und es dabei abwarten soll.
Wenn du das FBT aber durchziehst, lernt das Pferd irgendwann, dass es dich mit nur einem Ohrwackeln anhalten kann.
Dann kannst du den Schwierigkeitsgrad auch steigern und es muss seinen ganzen Kopf bewegen, um dich anzuhalten und in Harmonie zu bringen.
Das ist für die Pferde eine tolle Erfahrung, dass sie uns so kontrollieren können.


Wenn das Pferd sehr gestresst ist und herumrennt
Gehst du einfach nur herum, wird dich ein gestresst herumrennendes Pferd wahrscheinlich gar nicht richtig wahrnehmen. Du kannst also auch genauso gut ganz aus der Situation herausgehen und abwarten bis sich dein Pferd von selbst reguliert und entspannt hat.
Willst du, dass es dich als guter Anführer auch in so einer Situation wahrnimmt, solltest du auch mit höherer Energie und viel herumlaufen und möglichst immer den 1. Und den letzten Schritt machen.
Stell dir vor, dein Pferd ist so aufgebracht, weil sein bester Kumpel auf einem Ausritt ist. Dann wird es vermutlich immer wieder zu der Stelle vom Paddock rennen, wo der Kumpel außer Sicht gegangen ist.
Du kannst also schnell die Laufwege vorhersagen.
Zumindest diesen einen.
Steht dein Pferd gerade irgendwo anders und schaut schnaufend in die Gegend, laufe du zuerst los und achte darauf, dass du als erster genau an der Stelle bist, wo auch dein Pferd hinlaufen wird. Bewege dich solange dort bis dein Pferd auch da ist und höre erst auf, wenn dein Pferd still steht. Dann könnt ihr kurz in Harmonie sein. Schau auch in die gleiche Richtung.
Gehe aber unbedingt weg, bevor sich dein Pferd bewegt!
Du kannst auch einfach alleine an diese Stelle zurückkehren, kurz stehen und bleiben gucken wo der Kumpel hin ist und dann wieder weggehen.
Zeig deinem Pferd, dass du seine Sorge verstehst.
Du merkst, Freedom Based Training bedeutet extrem viel Beobachten und am eigenen Timing arbeiten. Etwas, das dir auch im sonstigen Umgang und Training mit deinem Pferd helfen wird!


Funktionaler Stress
Bei Elsa Sinclairs Theorieeinheiten gibt es auch immer wahnsinnig viel zu lernen. Ein Punkt, der auch wichtig ist, sind die verschiedenen Stresslevel:
- Hoher Stress (Panikzone: Kampf, Flucht oder extrem angespannt eingefroren)
- Funktionaler Stress (Lernzone)
- Gar kein Stress oder Schlafen (Komfortzone)
Wenn wir mit unseren Pferden arbeiten, möchten wir möglichst zwischen Komfort- und Lernzone sein… wobei es zwischen den Zonen auch Grauzonen gibt, die bei jedem Pferd unterschiedlich sind. Manch eines hat eine extrem kurze „Zündschnur“ und kommt schnell vom Lernen in panikartigen Stress. Manch eines ist immer so tiefenentspannt, dass wir uns schon freuen, wenn es mal neugierig auf etwas Neues reagiert.
Beim normalen Training (assertive und dominant Leadership) können wir aktiv daran arbeiten den Energie- und Stresslevel des Pferdes zu heben oder zu senken.
Beim Freedom Based Training (passive und supportive Leadership) reagieren wir einfach nur auf das was wir sehen. Positives wird belohnt, indem du in Harmonie mit dem Pferd gehst. Negatives wird ignoriert. Du hilfst dem Pferd daher eher langfristig zu lernen, wie es sich selbst regulieren kann.
Im Idealfall lernt das Pferd also sich selbst wieder zu entspannen und im Bereich des funktionalen Stresses zu bleiben, um uns als guten Partner zu behalten. Denn wenn es aus diesem Bereich herausfällt, gehst du weg und machst etwas anderes. Du bist kein Partner mehr. Du bist nicht mehr in Harmonie. Und Harmonie ist das, was unsere Pferde gerne möchten.


Fokus-Kategorien und Fokuswechsel – Neugier trainieren
Ein neugieriges Pferd ist ein offenes, gut ansprechbares und sicheres Pferd. Deshalb ist es super, wenn wir Neugier gezielt fördern können.
Das geht mit Freedom Based Training tatsächlich auch. Das ist aber etwas für Fortgeschrittene.
Zuerst einmal ist es wichtig zu wissen, dass es verschiedene Fokus-Kategorien gibt:
- Selbst-Fokus (eher in sich gekehrt)
- Herden-Fokus (Fokus auf andere Pferde)
- Umwelt-Fokus (Fokus nach außen auf etwas anderes)
- Leader-Fokus (Fokus auf dich, den Anführer)
- Lern-Fokus (Pferd leckt und kaut)
Anfangs gilt es herauszufinden, worauf dein Pferd oft seinen Fokus legt. Die meisten Pferde sind nicht gut darin alle 5 Fokus-Kategorien gleichmäßig zu nutzen und dabei entspannt zu bleiben. Braucht es auch nicht. In jeder Herde gibt es zum Beispiel die Pferde, die eher das außen im Blick behalten und notfalls Alarm schlagen. Und die Pferde, die sich eher auf die Herde fokussieren.
Wenn du Freedom Based Training machst, kannst du erst einmal auf jeden Fokus-Wechsel reagieren. Das kann ein Wechsel des Blicks vom einen zum anderen Pferd sein. Ein Ohr, das erst zu dem fahrenden Auto geht und dann zum Fußgänger auf der anderen Seite…
Reaktion bedeutet: du bleibst jedes Mal stehen, wenn du gerade herumgelaufen bist. Oder wenn du eh gerade gestanden hast und mit dem Pferd in Harmonie warst, machst du 1 Schritt in eine Richtung und stehst dann wieder.
Beobachte dabei, welche Fokus-Kategorien dein Pferd viel nutzt.

Wenn du merkst, dass dein Pferd bestimmte Fokus-Kategorien viel nutzt und manche gar nicht, weißt du, was du trainieren kannst.
Dafür muss dein Pferd aber erstmal lernen, dass du Fokuswechsel belohnst, indem du mit dem Pferd in Harmonie gehst.
Du beginnst also im 1. Schritt jeden kleinsten Fokuswechsel zu belohnen, wie oben beschrieben.
Im 2. Schritt belohnst du nur noch Wechsel zwischen den Kategorien. Also von Herden-Fokus auf Umwelt-Fokus oder ähnliches.
Im 3. Schritt kannst du dann nur noch auf solche Fokus-Wechsel reagieren, die du fördern möchtest.
Wichtig ist, dass das lange dauern kann und du jeden Tag wieder bei 1 beginnst. Freedom Based Training braucht viel Zeit und Geduld.


Aufs Beziehungskonto einzahlen
Immer wenn du Zeit in Harmonie mit deinem Pferd verbringst.
Jeder Fokuswechsel auf den du reagierst.
Das zahlt auf euer Beziehungskonto ein.
Ist euer Beziehungskonto reich gefüllt, kannst du auch Dinge von deinem Pferd verlangen, ohne dass es eurer Beziehung direkt schadet.
Auch Fehler machen ist erlaubt. Solange du den Fehler nicht ständig wiederholst und versuchst es besser zu machen. 😉 Manche Pferde sind da toleranter als andere. Während das eine Pferd Fehler einfach ignoriert, führt es bei dem anderen dazu, dass es danach erstmal genervt von dir ist und keinen Kontakt mehr will.
Entspann dich. Atme tief durch. Geh eine Runde (alleine) spazieren. Und versuche es dann (oder auch morgen) einfach nochmal.
Gemeinsam Zeit mit einem Freund zu verbringen ist immer schön – egal ob Pferd oder Mensch! Gemeinsam neugierig Dinge zu erkunden macht viel mehr Spaß als alleine. Das geht dem Pferd genauso wie uns Menschen. Aber man muss sich das verdienen.


Dein Start ins Freedom Based Training
Nichts lernt man einfach nur durch das Lesen eines Buches oder eines Blogartikels. Vielleicht hast du jetzt aber Lust bekommen dich einmal mit Elsa Sinclair zu beschäftigen. Ich kann dir ihre beiden Filme „Taming Wild“ und „Taming Wild Pura Vida“ nur empfehlen!
Und dann schau mal bei einem Kurs vorbei. Es gibt aktuell sogar 2x im Jahr Termine in Deutschland. Vielleicht sehen wir uns dort dann auch. 😀
Du hast jetzt richtig Lust bekommen es auch mal auszuprobieren? Du möchtest eine „echte Verbundenheit ohne Seil und Leckerlis“ wie ich es im Titel versprochen habe? 😉
Dann such dir einen Moment aus, in dem dein Pferd idealerweise grast.
Beim Grasen geht es nämlich ganz langsam Schritt für Schritt vorwärts. Das ist ideal um das „Spiegeln“ zu üben. Stell dich in ein paar Metern Entfernung so hin wie die Vorderbeine deines Pferdes stehen. Meist stehen sie etwas versetzt. Und dann versuchst du vorauszuahnen, wann dein Pferd den nächsten Schritt macht. Beobachte wie es erst das Gewicht nach vorne verlagert bis es nicht mehr geht und es den Schritt nach vorne machen muss. Versuch das nachzumachen. Möglichst synchron.
Geht dein Pferd dabei gefühlt eher weg von dir, vergrößere die Distanz bei jedem Schritt. Verfolge es also nicht. Aber spiegel weiter seine Bewegungen solange es geht.
Geht dein Pferd zügig weg, brich lieber ab und mach etwas anderes. Ärgere dich nicht sondern analysiere, woran es gelegen haben kann. Ist es wirklich von dir weggegangen oder zu etwas anderem hin? War der Abstand zu dicht? Hat es sich von deiner Anwesenheit genervt gefühlt? War es verunsichert von deinem neuen Verhalten? Warst du innerlich sehr ungeduldig? Versuch es beim nächsten Mal besser zu machen.
Kommt dein Pferd aber eher in deine Richtung, verkleinerst du genauso Schritt für Schritt den Abstand. Reckt es seine Nase in deine Richtung, kannst du auch deine Hand vorstrecken und dich von seiner Nase berühren lassen.
Macht dein Pferd etwas anderes, kannst du auch das nachmachen… kratz dich am Bein. Oder schau in die Richtung, in die dein Pferd guckt, wenn es in der Ferne etwas Spannendes entdeckt hat.
Alleine auf diese Art und Weise einmal den Alltag deines Pferdes mitzuerleben, ist super schön und fördert eure Beziehung. Vielleicht spürst du nicht beim ersten Mal eine Verbundenheit. Aber glaube mir: wenn du das öfters machst, wirst du dich in manchen Situationen wirklich wie ein Teil der Herde fühlen. Und das ist einfach wunderschön und erfüllend. 🙂
Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren.


Fazit
Freedom Based Training kannst du in Kombination mit deinem normalen Training nutzen. Erst FBT, um die Beziehung zu stärken und danach macht ihr etwas zusammen wie immer.
Freedom Based Training bedeutet, dass ich als Mensch so viele gute Entscheidungen rund um das Pferd treffe, die es akzeptieren kann und zu denen es „Ja“ sagt, dass es irgendwann mein Partner sein möchte. Das bedeutet aber auch, dass du sehr viel Zeit frei mit deinem Pferd verbringst, ohne etwas von ihm zu wollen.
Wenn du dir alles durchgelesen hast, denkst du wahrscheinlich, dass das ziemlich kompliziert klingt. Im Endeffekt läuft es aber auf diese ganz einfache Basis hinaus:
- Macht das Pferd etwas, das dir gefällt und wo es sich wohl fühlt, gehst du in Harmonie. Du machst also das gleiche wie dein Pferd. Du spiegelst es.
- In allen anderen Fällen machst du etwas anderes. Und es muss wirklich anders aussehen, damit dein Pferd den Unterschied zur Harmonie erkennt.
Das wiederum klingt jetzt wahrscheinlich sehr einfach. In der Praxis ist es dann doch wieder erstaunlich komplex.
Ich möchte dir mit diesem Blogartikel keine Anleitung geben, sondern eher eine Idee worum es geht. Damit du dir selbst überlegst, ob du das spannend findest und mal zu einem Elsa Kurs gehst. Diese sind nämlich auch als Zuschauer nicht günstig… weil du auch beim Zuschauen sehr viel lernst! Ich freu mich, wenn wir uns dort einmal sehen. Elsa Kurse sind immer wie Familientreffen… hier finden sich nur besonders neugierige und achtsame Pferdemenschen. Alle anderen sind schnell wieder weg… Diese Art mit Pferden zu arbeiten ist eben besonders. 😉
Elsa selbst ist eine unglaublich sympathische und liebenswerte Frau und ihr englisch versteht man wirklich gut. Oft gibt es auch eine Live-Übersetzung. Frag im Zweifelsfall aber bei der jeweiligen Organisatorin vorher nach, wenn du kein Englisch kannst. Unter Pferdetermine.de kannst du immer nach aktuellen Terminen suchen und dich anmelden.
Und falls du schon mal bei einem Elsa Kurs warst, ist dieser Blogartikel vielleicht deine Erinnerungshilfe und ein Anstoß mal wieder FBT zu machen. 😉
Erzähl mir gerne unten in den Kommentaren, was du jetzt denkst. 🙂

Über die Autorin
Hallo, ich bin Jessica Freymark, achtsame Pferdefotografin und unterstütze seit 2017 Menschen dabei, viele wunderschöne und natürliche Fotos von ihren Pferden zu bekommen. In meinem Blog teile ich praxisnahe Tipps, Erfahrungen und Inspiration rund um den achtsamen Umgang mit Pferden und die Pferdefotografie.


Hallo liebe Jessica vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht😘 der mir sehr gut gefallen ich kann mir sehr gut vorstellen das auf Dauer der Beziehung sehr gut tut hat ich werde Mal etwas ausprobieren liebe Grüße Birgit
Liebe Birgit, vielen herzlichen Dank! 😀 Ich freu mich sehr, dass dir der Bericht gefallen hat und du sogar Lust hast etwas davon auszuprobieren. Ich wünsche dir viel Spaß, viel Geduld und tolle Erkenntnisse und Erlebnisse. 😀 Erzähl mir gerne, wie es geklappt hat. Liebe Grüße, Jessica